Über Otto Wagner

Georg Wick, ist ein österreichischer Pathologe und Gerontologe, der sich mit der Erforschung von Autoimmunerkrankungen und Alternsforschung beschäftigt hat. Er ist ein Urenkel von Otto Wagner.

Otto Wagner galt als Vorreiter der modernen Architektur Konstruktion, Material und Funktionalität der Gebäude standen mit dem zeitgenössischen Lebensstil in Einklang. Welche Einstellung haben Sie zur Architektur des heutigen Wiens und wie denken Sie, würde Otto Wagner dazu stehen?

Wien besteht ja aus einer von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannten Altstadt und – vor allem in Transdanubien – durch moderne, funktionelle Architektur geprägte neue Stadtviertel. Das würde sicher auch Otto Wagner gefallen, obwohl manches, seinem Axiom „etwas Unpraktisches kann nicht schön sein“ widerspricht. Er hätte wahrscheinlich auch nichts dagegen, dass am Areal des Eislaufvereins ein neues Gebäude entsteht, wäre aber mit dessen Höhe sicher nicht einverstanden. Seine Postsparkasse passt ja z.B. wunderbar in die dortige Umgebung. Er wäre aber natürlich tief enttäuscht, zu erfahren, dass die Postsparkasse von einem Immobilienmogul gekauft wurde, der sie wahrscheinlich in ein multifunktionelles Zentrum mit Hotel etc. umwandeln wird. Er würde sich außerdem im Grabe umdrehen, wenn er sehen könnte, dass seine „weiße Stadt“, das Otto Wagner Spital am Wilhelminenberg, durch moderne Gebäude sukzessiv zerstört wird. Dies übrigens ganz im Gegensatz zur Situation in Barcelona, wo das dortige Jugendstilspital einer intellektuell/kulturellen Verwendung zugeführt wurde.

Was ist das für ein Gefühl, durch eine Stadt zu gehen, die der eigene Urgroßvater mit seinen architektonischen Werken so bedeutend geprägt hat?

Es ist ein wunderbares Gefühl, durch Wien zu gehen und von den Werken meines Urgroßvaters umgeben zu sein. Dieses Gefühl war für mich übrigens besonders intensiv als ich in den Jahren 2005-2007 im ersten Bezirk in der Nibelungengasse eine Dienstwohnung hatte, von der ich jeden Tag zu Fuß zur U-Bahnstation Karlsplatz ging. Auf diesem Weg kam ich zuerst an der Wirkungsstelle Otto Wagners, der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz vorbei, dann am von Josef Hoffmann gestalteten Otto-Wagner-Denkmal zwischen Akademie und Sezession, dann an der Sezession selbst und schließlich am Karlsplatz mit den beiden zweckentfremdeten Stadtbahnstationen. Dann bin ich in die U-Bahn eingestiegen und auf Otto Wagners Stadtbahn-Spuren zu meinem Arbeitsplatz gefahren.

Otto Wagner hat das fortwährende Wachstum einer Stadt nicht als Krise, sondern als Chance gewertet. Würden Sie Otto Wagner als genialen Visionär oder als Provokateur beschreiben?

– Das Konzept der unbegrenzten Stadt fasste ich immer als utopische Provokation auf, und so war es wohl auch von Otto Wagner gedacht. Ich habe über meinem Schreibtisch zwar eine große Reproduktion seiner Zeichnung für den neuen 22. Bezirk hängen, das Konzept der ständigen, am Reissbrett durchgeplanten Stadt hat ist aber seither weltweit nirgends realisiert worden. Ganz im Gegenteil: die neuen Megastädte, wie z.B. Mexiko City, breiten sich ja ganz ungeplant und daher unkontrollierbar aus.

Das führt mich zur nächsten Frage. Otto Wagner verfasste bedeutsame kunsttheoretische Schriften, z.B. „Die unbegrenzte Großstadt“. Welche Fragmente daraus haben Sie persönlich besonders beeindruckt?

Mich hat immer besonders sein Buch „Die Baukunst unserer Zeit“ beeindruckt. Dort hat er nämlich sein Credo, dass jede Bauform „aus der Konstruktion entstanden und sukzessive zur Kunstform geworden ist” ganz klar dargestellt. Vor allem betont er dort auch erstmals die Notwendigkeit moderne Materialien zu verwenden.

Kennen Sie die Projekte Otto Wagners bzw. seiner Schüler in Polen (Galizien)?

Wie erwähnt, kenne ich eventuelle frühe Projekte in Galizien nicht und wäre interessiert, zu hören, woher Sie diese Informationen haben. Otto Wagner hat bei manchen seiner frühen Werke „Kindesweglegung” betrieben und sie nicht in sein späteres Werkverzeichnis aufgenommen. Wie ebenfalls bereits erwähnt, habe wir im Rahmen der Arbeiten an einem Buch über die Wurzeln der Kreativität Otto Wagners zusammen mit Frau Dr. Alice Reininger, von der Universität für Angewandte Kunst, derartige, nicht dokumentierte Bauten in Ungarn, aber nicht in Galizien eruiert.

Wie war, soweit es Ihnen bekannt ist, Otto Wagner als Privatmensch?

Meine Informationen zum Menschen Otto Wagner gründen einerseits auf Erzählungen meiner Großeltern, Louise und Franz Wick, sowie meines Vaters, Wolfgang Wick, und andererseits aus Erzählungen anderer Familienmitglieder. Er hat zwar seine zweite, viel jüngere Ehefrau, meine Urgroßmutter, Louise Stiffel, abgöttisch geliebt, war aber sicher kein Familienmensch. Seine herausragendsten Eigenschaften waren wohl seine bis ins Alter ungebrochene Kreativität, sein Selbstbewusstsein, seine erstaunliche Unbeirrbarkeit, sein Fleiss und seine Genauigkeit. Letzteres scheint sich übrigens im Familienleben in Form einer gewissen Pedanterie ausgewirkt zu haben. Jedenfalls hat die Begegnung mit seiner Geliebten und Muse, Louise Stiffel, seine Kreativität bis zu deren Tod stimuliert und getragen. Otto Wagner hat für seine zwei unehelichen Kinder aus einer Jugendbeziehung und seiner anderen vier Kinder aus zwei Ehen immer finanziell gesorgt und sie auch in seinem Testament bedacht.

Ist Ihres Wissens nach jemand der Nachkommen Otto Wagners in dessen architektonische Fußstapfen getreten?

Meines Wissens ist keiner seiner Nachkommen in seine architektonischen Fußstapfen getreten. Als Wissenschaftler mit einem Achtel seiner Gene denke ich mich aber oft, dass es schön wäre, etwas von seiner Kreativität geerbt zu haben.

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