Jarosinski – weil’s Wienerisch klingt

Unter der Adresse Zieglergasse 24 im siebten Wiener Gemeindebezirk befindet sich ein exklusives Silbergeschäft mit angeschlossener Schmiede. Über dem Eingang prangt ein großes Schild mit der Aufschrift „Jarosinski & Vaugoin“. Allein dieser Flickenteppich an Nachnamen versetzte mich zurück in die magische Zeit Wiens während der Monarchie. Die Nachnamen verraten, aus welchen Ländern die Gründer dieser Firma nach Wien gekommen waren. Und ich sollte mich nicht irren – Jarosinski stammte aus Polen, Vaugoin aus Frankreich.

Ladislaus Jarosinski

Als ich durch die Tür des Geschäfts ging, wurde ich von einem jungen, ungefähr 35-jährigen eleganten Herren begrüßt. Tadellose Umgangsformen, tadelloser Anzug und tadelloses Aussehen, wie man sie vor 100 Jahren kannte. Ein Lächeln, Takt und Gewandtheit. Vor mir stand der Inhaber des Unternehmens, Jean-Paul Vaugoin. Gemeinsam mit seinem Bruder Victor hatte er die Führung des Unternehmens im Jahre 2003 übernommen, als bereits fünfte Generation der Familie.


Jean-Paul Vaugoin erzählte mir, dass sein Vorfahre Karol Vaugoin mit den Armeen Napoleons nach Wien gekommen war. 1847 gründete er ein Unternehmen, das sich auf die Herstellung schweren Tafelsilbers, welches von Hand bearbeitet und geschliffen wurde, spezialisierte. Wien, die Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie, war in der damaligen Silberherstellung europaweit tonangebend. 1901 ging der Sohn des Unternehmensgründers eine Partnerschaft mit einem aus Polen stammenden Fachmann in Sachen Silber, einem gewissen Ladislaus Jarosinski, ein. Seit damals befindet sich das Unternehmen in der Zieglergasse 24, 1070 Wien. Das Unternehmen entwickelte sich stets weiter und vergrößerte seine Produktpalette um Dekorationsgegenstände und Schmuck.
1906, einige Jahre nach der Unternehmensgründung, wanderte der Meister des Silberhandwerks Jarosinski aus nicht näher bekannten Gründen nach Brasilien aus. Die Firma wurde weiterhin von der Familie Vaugoin geführt, sie blieb dem polnischen Firmennamen aber treu.
Die derzeitigen Unternehmensinhaber halten weiterhin am Namen Jarosinski fest. Weil er mehr nach Wien klingt, finden sie, mehr als Vaugoin, was mit der Multinationalität der Monarchie zusammenhängt. Mit diesem Namen wurde die Silberschmiede gegründet, er zeugt von der Beständigkeit des Unternehmens. So kommt es also, dass polnische Wurzeln helfen, und nicht schaden.
Der Kontakt der Familie Vaugoin mit den Jarosinskis in Brasilien sei sporadisch, sagt mein Gesprächspartner. Es kommt hin und wieder vor, dass sich ein Ururenkel im Zuge der Suche nach seinen Wurzeln plötzlich meldet. Dies war auch 2003 der Fall. Ein junger Mann aus Brasilien besuchte die Silberschmiede. Er wollte mehr über die Familie erfahren, die vor über hundert Jahren hier lebte. Er las alte Dokumente, sah sich alte Fotos an.

Tradition – Qualität – Fortschrittlichkeit

„Silber schreibt seit jeher Geschichte“, sagt der Besitzer des Unternehmens. Wann der Mensch zum ersten Mal auf dieses Metall gestoßen ist, ist unbekannt. Schon immer wurden den Metallen Gold und Silber magische Kräfte zugeschrieben. Sehr lange stellte man aus ihnen keine Gegenstände für den Alltag, sondern für Götter und religiöse Kulte her.
Kommen wir jedoch wieder zurück in die Gegenwart, in eine wirtschaftlich schwierige Zeit. Laut einem altbewährten Grundsatz ist beim Verkauf der Kontakt zum Käufer das Wichtigste. Genau danach sehnen wir uns in der heutigen Zeit, die von Einkaufszentren, Anonymität und Gleichgültigkeit seitens der Verkäufer gekennzeichnet ist. „Das ist nicht der richtige Weg. Wir führen in unserem Unternehmen alte Traditionen weiter. Das zahlt sich für uns aus“, so Jean-Paul Vaugoin.
Kommen wir in das traditionsreiche Unternehmen, welches Jarosinski & Vaugoin zweifellos ist, öffnet uns jemand die Tür, wir werden mit einem Lächeln bedacht und man fragt uns, was für uns getan werden kann. Ein ganz einfacher Grundsatz. Im Geschäft wird man von eleganten hölzernen Vitrinen, Schubladen und Schränken, die mit den unterschiedlichsten Silbergegenständen bestückt sind, begrüßt. Die Stücke funkeln, sind stets poliert. Das alles soll einem ins Auge stechen. Und wie es das tut! Auf den Wänden hängen alte Porträts früherer Unternehmensinhaber, Mitarbeiter der Silberschmiede, Verträge und andere Dokumente. Wir werden eingenommen von Tradition, Stolz auf die Vergangenheit und dem Vermögen, sich in heutigen Zeiten zu behaupten.
Laut Jean-Paul Vaugoin besteht die Firmenphilosophie aus drei Schlagwörtern: Tradition – Qualität – Fortschrittlichkeit.

Ein Sensationsbuch über das Unternehmen

Die deutsche Schriftstellerin Anna Krüger hat in ihrem Buch „Sophies Geheimnisse” die Geschichte von Jarosinski & Vaugoin aufgearbeitet. Die Hauptdarsteller nennen sich Jablonsky & Vermont, das Buch ähnelt einem Krimi. Mein Gegenüber erzählt mir, dass er diesem Buch nicht wirkliche Bedeutung beimesse.
Das Buch hat Sensationscharakter. Nach vielen Jahren kommt ein Nachfolger der Familie Jablonsky nach Wien und erhebt Ansprüche auf das Unternehmen. Diese Begebenheit erinnert an den Besuch des Nachfolgers Jarosinskis in Wien, mit dem Unterschied, dass dieser keinerlei Forderungen gestellt hatte. Es sei auch ein Drehbuch für einen Film in Arbeit.
Jean-Paul Vaugoin arbeitet sehr intensiv an der Firmenphilosophie. Die Erfolge des Unternehmens sollen nicht auf Sensationen aufbauen, sondern vielmehr auf solider Arbeit, Qualität und Eleganz der Produkte, Tradition und auf Zukunftsperspektiven. Eine wichtige Rolle spielt auch die Weiterbildung, im Rahmen welcher Gegenstände aus vergangener Zeit unter die Lupe genommen werden.
Das Unternehmen arbeitet stets auch am Design der Produkte. Durch die perfekten Linien des Bestecks und die Vollkommenheit des Porzellans der Teller wird das Zusammensein bei Tisch zu einem einzigartigen Ereignis, gibt es doch nichts Schöneres als einen gedeckten Tisch, der in funkelndem Silber erstrahlt. Sämtliche Erzeugnisse des Unternehmens sind als solche gekennzeichnet und mit Belegen über ihre händische Anfertigung ausgestattet.
Die Fortschrittlichkeit zeigt sich darin, dass die Produkte von Jarosinski & Vaugoin auch in die Spülmaschine gegeben werden können. Danach fragt jeder der heutigen, etwas faulen, Kunden. Leider.
Die Produktpalette des Unternehmens ist umfangreich: Andenken, Besteck, Kerzenständer, Kuchenteller oder Obstschalen, Tassen, etc., und das alles in klassischen oder barocken Mustern. An dieser Stelle sei gesagt, dass Jarosinski & Vaugoin die älteste Silberschmiede in Wien ist und es geschafft hat, ihre lange Tradition sowie die Techniken des händischen Anfertigens beibehalten hat.
Der Unternehmensinhaber zieht eine Reihe von Dokumenten aus einer Schublade. Darunter befindet sich u.a. der Mietvertrag über das Geschäftslokal, unterschrieben 1901 von Wladislaw, also Ladislaus Jarosinski. Die heutigen Geschäftsführer haben vor einigen Jahren Polen besucht, sie waren begeistert von der Stadt Krakau. Bis heute ist Jean-Paul Vaugoin, der ein Wirtschaftsstudium absolviert hat, sehr an den Wurzeln des Unternehmens interessiert.

Erfolge und….Diebstahl

Das kunstvoll gestaltete Lexikon „Silber von A bis Z” zeugt vom Bestreben, das über die Generationen hinweg angehäufte Wissen weiterzugeben. Es soll den zukünftigen Silberschmieden als Grundlage dienen. Werden sie zu Schmieden des Glücks? Ist es zu schaffen, auf diesem schwierigen Markt zu überleben?
Hoffen wir es. Die Liste der Erfolge der Silberschmiede ist lang, so z. B. wurden einige arabische Königshäuser und einige ausländische Botschaften in Wien mit Silbererzeugnissen ausgestattet. Die Anfertigungen konnten auch auf einigen internationalen Ausstellungen bewundert werden.
Eine interessante Einzelheit: Jarosinski & Vaugoin fertigte Nachbildungen der bekannten „Saliera” von Benvenuto Cellini aus dem Jahre 1543 an. Drei Repliken dieser Figur wurden 1969 zum Anlass des Besuchs Königin Elizabeth II. in Österreich hergestellt. Eine Nachbildung wurde der Königin als Geschenk der Stadt Wien überreicht, die zweite erhielt das Rathaus, während die dritte im Unternehmen blieb.
Die „Saliera” trat 2003 wieder in Erscheinung, als sie auf spektakuläre Weise aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien gestohlen wurde. Als Dieb, der in das streng bewachte Museum eingedrungen war, entpuppte sich Robert Mang, Chef einer Alarmanlagenfirma. Der Diebstahl erschütterte ganz Wien. Wie war es möglich, einen Gegenstand aus einem der weltweit am strengsten bewachten Museen zu stehlen? Am helllichten Tag gelang es dem Dieb, sich über ein Baugerüst, das aus Renovierungszwecken aufgestellt worden war, Zugang zum Inneren zu verschaffen. Es war schließlich die von Jarosinski & Vaugoin angefertigte Nachbildung, die die Ehre des Museums rettete, zumal diese an der Stelle des gestohlenen Originals ausgestellt wurde. Dieser Präzedenzfall hatte einen Anstieg der Verkäufe zur Folge, meint Jean-Paul Vaugoin scherzhaft. Der Verkauf der Nachbildungen des Tafelgeschirrs stieg plötzlich an, 400 bis mehrere Tausend Euro wurden pro Stück bezahlt, je nach verwendetem Material. Das Original wurde später wieder aufgefunden, der Täter wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt.
Auch die jüngste Vergangenheit hielt für die jungen Vaugoins einige hochlukrative Geschäft parat. So gab ein malaysischer Sultan 2008 die Anfertigung zahlreicher Dekorationsstücke für seinen Hof in Auftrag, erzählt mir Jean-Paul Vaugoin mit stolzer Stimme. Des Weiteren wirkte das Unternehmen 2010 an der Vienna Design Week mit. Projekte wie etwa die Zusammenarbeit mit den jungen Designern Makkink & Bey führen Jarosinski & Vaugoin in das 21. Jahrhundert.

Meister ihres Faches

Der jungen Generation soll nahegebracht werden, was sich hinter so einem Fachgeschäft birgt. Alle Wünsche werden erfüllt. So kann z. B. die Milchkanne aus der Hinterlassenschaft unserer Großmutter, von der ein Teil abgebrochen ist, wiederhergestellt werden. Es bleibt die Hoffnung, dass sich Geschäfte, die Ersatzteile anbieten, sich weiter halten können, denn sie können das Leben unserer alten, schönen Schätze retten. Solange es Unternehmen wie Jarosinski & Vaugoin gibt, lebt die Hoffnung, dass wir nicht zu einer Gesellschaft werden, die alles wegwirft, dass Qualität, Beständigkeit und Tradition wieder großgeschrieben werden und dass der Unterschied zwischen einem Einweg-Teller aus Plastik und einem meisterhaft gefertigten Teller, einem Familienerbstück, sehr wohl erkannt wird.
Und dies ist wahrscheinlich der wichtigste Grundsatz für Unternehmen und für ihr Überleben. Jarosinski & Vaugoin soll nicht ein Beispiel sein für Unternehmen, von denen es leider nicht mehr viele gibt, sondern viele andere sollten mit den gleichen Eigenschaften aufwarten – mit freundlicher Kundenbetreuung und einwandfreier Beherrschung des eigenen Faches.

Übersetzung: Armin Innerhofer

Polonika nr 217, Februar 2013

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