Pollischansky – die Teppichklinik

In Sievering, einem Teil des 19. Wiener Gemeindebezirks, scheint Tradition allgegenwärtig: Jugendstilhäuser, Wiener Bürgertum, verglaste Wintergärten, die den Blick auf Palmen und Rhododendronsträucher freigeben. Im Villenviertel läuft das Leben anders als in den übrigen Teilen der Stadt, es steht für bedeutende Adressen und für Prominenz in den Geschäften und auf den Straßen. Die Nähe zu Grinzing, dem Kahlenberg sowie zu Neustift am Walde verleiht dem Bezirk etwas geradezu Historisches. In diesem exklusiven Stadtteil besuche ich Familie Pollischansky, die Eigentümer der Teppichklinik Pollischansky, die vor mehr als hundert Jahren von einem Polen gegründet wurde.

Jeder Teppich erzählt eine Geschichte

Die Teppichklinik Pollischansky bietet Restaurierung, Reinigung und Reparatur von Teppichen an und ist in ihrer Branche die älteste Firma in Österreich. Thomas Pollischansky, der das Familienunternehmen in der vierten Generation führt, erzählt mir über Teppiche: „Das Wort „Teppich” stammt aus dem Persischen und heißt so viel wie „Gegenstand, über den man läuft“. Oft begleitet ein Teppich Menschen über Generationen hinweg, tagtäglich gehen wir darauf. Gezwungenermaßen wird der Teppich zu einem Vertrauten, zu einem stillen Freund, der zuhört und ausharrt. Seit vielen Jahrhunderten sind Teppiche ein wahrer Schmuck des Hausinneren. In vielen Familien werden wertvolle Teppiche, Läufer und Wandteppiche von Generation zu Generation weitergegeben. Wenn sie sprechen und uns erzählen könnten, was sie gesehen, was sie erlebt haben….
Teppiche stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus Asien, wo sie zum ersten Mal zwischen dem 3. und 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung aufgetaucht sind. Teppiche aus Persien gelten als die teuersten, zumal Persien als Hochburg der Webkunst angesehen wird. Nichtsdestotrotz entwickelte sich die Knüpfkunst in den Ebenen Zentralasiens. Die Nomaden benötigten einen Schutz vor dem Winter und der Kälte, und zwar etwas, womit sie sich schnell bedecken konnten. Gleichzeitig dienten die Teppiche als Verzierung für verschiedene Gegenstände. In Turkmenistan werden die Teppiche „Turkmenen” genannt. Viele Regionen jedoch können sich mit der Kunst der Herstellung der allgemein als „Läufer“ bekannten Erzeugnisse brüsten. Verzierungen von Wänden, Schränken und Böden aus Persien, Pakistan, aus dem Kaukasus, Indien, der Türkei, China, Europa und Nordafrika – die Anzahl der verschiedenen Arten, Muster und Farben ist unendlich.
„Gegenwärtig werden Teppiche von Maschinen und unter Verwendung leichter Kunststofffasern hergestellt, weshalb sie einer breiten Kundschaft zugänglich und billig sind. Natürlich sind Teppiche aus Wolle hochwertiger“, erzählt Thomas Pollischansky.

Vor über 300 Jahren

Es gibt Familiengeschichten, die derart lang sind, dass die Zeit nicht ausreicht, in einem kurzen Gespräch über die Reihenfolge der Ereignisse, über die Generationen und deren Geschichte zu sprechen. Die vielen Jahre, manchmal sogar Jahrhunderte, verwischen viele Daten, Fotos werden unkenntlich, Unterschriften unleserlich, obwohl sie immer noch in den Unterlagen der Familien vorkommen.
Woher kamen die Pollischanskys nach Wien? Die Geschichte der Familie ist derart alt, dass man es kaum glauben mag. In seinen Erzählungen geht Thomas Pollischansky mehr als dreihundert Jahre in die Vergangenheit. An die Schlacht am Kahlenberg im Jahre 1683, in der die Armee Johann Sobieski III. kämpfte, erinnert die Kirche am Kahlenberg (heute Josefskirche). Sobieski kam der von den Türken belagerten Stadt zu Hilfe und trug die entscheidende Schlacht mit den Besetzern am 12. September 1683 aus.
Die Rückkehr in die Heimat der 70.000 Mann starken, christlichen, von Johann Sobieski III. geführten Armee nach dem Sieg über die Türken, ihrerseits unter der Führung von Wesir Kara Mustafa, dauerte lang, und unterwegs gingen einige Soldaten „verloren“. Das siegreiche Österreich reizte schon damals mit seinem Wohlstand. So kam es, dass sich ein Soldat mit dem Namen Pollischansky auf dem Gebiet des damaligen Tschechiens niederließ, welches zu der Zeit zum Kaiserreich gehörte. Sobieski hatte in seinen Reihen viele Befürworter, weshalb es sich hier nicht zwingend um eine Flucht vor dem Anführer handeln musste.


Es gibt keine historischen Quellen, die es belegen, aber vieles deutet darauf hin, dass Herr Pollischansky im damaligen Tschechien lebte. Unter seinen Nachkommen findet sich auch Franz Pollischansky (geb. 1876), der Gründer der Firma. 1899 eröffnete er die Teppichklinik im neunten Wiener Gemeindebezirk, in der Währinger Straße 48.
Thomas Pollischansky, ein junger, energischer Wiener und gegenwärtiger Chef der Firma erzählt gerne über Familienbegebenheiten, und unterstreicht dabei die polnische Herkunft seiner Ahnen und Urahnen.
Österreich ist ein Schmelztiegel von Völkern und Kulturen – die Familie Pollischansky ist dafür ein lebender Beweis. Der Nachname Poliszański änderte sich im Laufe der Zeit zu Pollischansky, mit Doppel-L und abschließendem Y. Der junge Firmeninhaber erzählt darüber sehr genau, zeigt alte Fotos, die ersten Firmenwagen mit Werbeaufschrift, alte Reinigungsmaschinen und aktuelle Auszeichnungen, überreicht von der Wirtschaftskammer.
Die Teppichklinik in der Sievingerstraße 33, die vormals ihren Sitz in Währing hatte, wird in den Jahren 1930-1939 ausgebaut. Der erste große Lieferwagen samt Werbeaufschrift wird angekauft. Die Jahre 1939-1945 stellen die Firma vor eine große Herausforderung. Die Unternehmen verstecken viele hochwertige Teppiche ihrer Kunden, während selbst die geringwertigsten Güter von den Armeen während deren Raubzüge mitgenommen werden. Die Dankbarkeit und Verwunderung der Wiener war enorm, als sie ihre teuren Teppiche, die die Geschichte von Generationen erzählten, wieder in ihren Häusern positionieren konnten.
Auf den Namen Pollischansky stößt man auch im 14. Bezirk, und zwar im Zusammenhang mit dem Pollischansky Verlag sowie der Bücherei Pollischansky in Penzing.
Ein sehr bemerkenswerter Vertreter der Familie Pollischansky ist Josef Pollischansky, Musiklehrer des Sohns des großen Johann Strauß. Hier schließt sich der Kreis einer interessanten Geschichte. Die Frau des letzten Vertreters der Strauß-Dynastie ist die aus Krakau stammende Elisabeth Strauß (s. Gespräch mit E. Strauß in der Polonika 54/55).

Es lebe die Tradition

Über die Pflege, das Knüpfen, Reinigen und Absaugen von Teppichen spricht Thomas Pollischansky mit großem Fachwissen und Genauigkeit. Die zentralen Elemente der orientalischen Teppiche sind das Muster und der Faden, das Garn bestimmt über seine Widerstandsfähigkeit. Um den Glanz der Farben des Teppichs zu erhalten, muss dies sauber gehalten werden, denn Schmutz und Sand zerreiben die Gewebefasern, was manchmal an den Fransen sichtbar wird. Man soll nicht vergessen, so Thomas Pollischansky weiter, dass obwohl man einen Perserteppich als Kunstwerk ansieht, er dennoch darauf ausgerichtet ist, dass auf ihm gelaufen wird. Handgeknüpfte Teppiche und Läufer sind in der Regel sehr widerstandsfähig.
Thomas Pollischansky führt mich in die Arbeitshalle, wo die Teppiche mit der Nadel und durch Reinigung sowie Trocknen in perfekten Zustand gebracht werden. Gearbeitet wird mit hochmodernen Saug- und Reinigungsmaschinen sowie Trocknern. Die meisten ArbeiterInnen stammen aus Ländern, in denen die Knüpfkunst eine langwährende Tradition hat. Sultana, die seit 16 Jahren in der Firma arbeitet, bestätigt dies mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten.
Die Teppichklinik Pollischansky ist ein Musterbeispiel für sorgfältige Arbeit, ein Ort, an dem beschädigte und verschmutzte Teppiche versorgt werden. Die Arbeit ist gekennzeichnet von Geduld und Fachwissen, bei der die Uhren einfach anders laufen. Abschließend stellt mir der Chef seine Familie vor, seinen Sohn und seine Tochter. Es bleibt zu hoffen, dass sie in der Zukunft die Firma übernehmen werden und dass Sievering weiter auf seine Firmen mit jahrhundertelanger Tradition stolz sein kann. Unter ihnen wird auch ein Unternehmen sein, das vor mehr als hundert Jahren von einem Polen gegründet wurde.

Polonika nr 218, März 2013 r.

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